Gute Werke im Islam

Immer wieder einmal kann man die Aussage hören, der Islam sei eine Religion der Werkgerechtigkeit, und ein Muslim müsse sich durch gute Taten den Himmel verdienen.

 

Eine oberflächliche Betrachtung scheint zunächst diese Beurteilung zu bestätigen. Im Blick auf das endgültige Gericht Gottes über die Menschen wird im Koran wiederholt das Bild der Waage gebraucht: Und Wir stellen die gerechten Waagen für den Tag der Auferstehung auf. So wird keiner Seele in irgendetwas Unrecht getan. Und wäre es auch das Gewicht eines Senfkornes, Wir bringen es bei. Und Wir genügen für die Abrechnung (Sure 21,47; vgl. auch Sure 13,102+103). Solche Verse vermitteln den Eindruck: am Tag des Gerichts wird Gott die Menschen ohne Ansehen der Person entsprechend ihrer Taten gerecht belohnen oder bestrafen.

 

Was sind „gute Werke“ im Islam?

In islamischen Lehrbüchern werden die Taten oft nach dem Gesichtspunkt klassifiziert, ob sie Strafe oder Lohn nach sich ziehen, ob sie eigentlich verdienstvolle Taten wieder zunichtemachen bzw. neutral sind und weder Strafe noch Lohn bewirken. Die wichtigsten Werke sind die „unbedingt gebotenen“, die am höchsten positiv angerechnet werden und deren Unterlassung die Höllenstrafe nach sich zieht. Es fällt auf, dass es sich dabei im Wesentlichen um rituelle, auf Gott ausgerichtete Handlungen (Gebet, Wallfahrt, Fasten etc.) handelt, die allerdings zum Teil auch eine soziale, mitmenschliche Dimension haben (Armensteuer). Zu den „unbedingt verbotenen“ Taten gehören: Wein zu trinken, dem Vater und der Mutter ungehorsam zu sein, einen Menschen zu töten. Wer so etwas tut und nicht bereut, wird dafür in der Hölle bestraft.

 

Die Bedeutung der Absicht

Bei weiterem Nachforschen stößt man schnell auf die Tatsache, dass es nicht nur auf die Taten ankommt, sondern auch auf die dahinterstehende Motivation. In einem Hadith heißt es: Die Taten werden nach den Absichten beurteilt. Wer nun ausgewandert ist in der Suche nach Gott und seinem Gesandten, dessen Auswanderung gilt als zu Gott und seinem Gesandten. Wer aber in der Suche nach irdischen Interessen oder wegen einer Frau, die er heiraten möchte, ausgewandert ist, dessen Auswanderung gilt als eben zu dem, zu dem er ausgewandert ist. (Khoury, Der Koran, S. 507f: „auswandern“ bezieht sich auf die Auswanderung Mohammeds mit seinen Anhängern von Mekka nach Medina) – Das kann sogar einen Märtyrer betreffen, dem eigentlich der Zugang ins Paradies zugesichert wird: Der erste unter den Menschen, über den das Urteil am Tag der Auferstehung gefällt wird, ist ein Mann, der als Märtyrer gestorben ist. Er wird gebracht. Er (Gott) lässt ihn seine Gnaden erkennen, und er erkennt sie. Er sagt: Was hast du dafür getan? Er sagt: Ich habe um deinetwillen gekämpft, bis ich als Märtyrer starb. Er sagt: Du lügst. Du hast vielmehr gekämpft, damit man sagt: Siehe, ein Mutiger! Und man hat es auch gesagt. Dann ergeht ein Befehl über ihn, und er wird auf seinem Gesicht geschleppt und ins Höllenfeuer geworfen. (Khoury, Der Koran, S. 554)

 

Die Bewertung der guten Werke im Islam

Des Weiteren fällt auf, dass gute und böse Taten nicht gleich schwer gewichtet werden. Sehr deutlich wird das in einem Hadith zusammengefasst: Gott hat bestimmt, was gut und was böse ist. Wer nun sich vornimmt, eine gute Tat zu vollbringen, aber sie doch nicht vollbringt, dem schreibt sie Gott als eine volle gute Tat an. Wenn er sie beabsichtigt und auch vollbringt, dann schreibt Gott sie ihm als zehn gute Taten oder siebenhundert oder viel mehr an. Und wenn er sich vornimmt, eine schlechte Tat zu vollbringen, sie aber nicht vollbringt, dann schreibt Gott sie ihm als eine volle gute Tat an. Wenn er sie beabsichtigt und sie auch vollbringt, dann schreibt sie ihm Gott als eine (einzige) schlechte Tat an. (Khoury, Der Koran, S. 507) Auch im Koran (z.B. Sure 4, 40 und 6,160) finden sich ähnlich Aussagen.

 

Glaube und gute Werke

Mehr als 60mal kehrt im Koran die Formel wieder: „Wer glaubt und das Gute tut …“ – dem wird Gottes Lohn und der Eingang ins Paradies versprochen: Diejenigen, die etwas von den guten Werken tun, ob Mann oder Weib, und dabei gläubig sind, werden ins Paradies eingehen, und ihnen wird nicht ein Dattelgrübchen Unrecht getan. (Sure 4,124; ähnlich 40,58)

 

Der Glaube, das heißt zum Teil das Aussprechen des islamischen Glaubensbekenntnisses, kann dabei sogar schwerer wiegen als alle übrigen Taten eines Menschen, so dass jemand trotz all seiner schlechten Taten Einlass ins Paradies erhält – allein auf Grund der Tatsache, dass er das islamische Glaubensbekenntnis ausgesprochen hat (vgl. dazu den in Khoury, Der Koran, S. 552 zitierten Hadith).

 

„Glaube“ ist hier jedoch nicht in biblischem Sinn zu verstehen als das dankbare Annehmen der Rettungstat Gottes in Jesus Christus und das Vertrauen auf eine klare Zusage in Gottes Wort (z. B. 1. Joh. 1,9), sondern als Rechnen mit der Existenz Gottes und als Hoffen auf Seine Barmherzigkeit.

 

Ungewissheit

Trotz aller Mühe, die ein Muslim sich geben mag, und trotz der Zusagen, dass Gott ihm seine guten Werke vielfach anrechnen werde, bleibt letztlich doch die Ungewissheit bestehen, ob er mit dem Feuer bestraft oder mit dem Paradies belohnt werden wird.

 

In den Hadithen finden sich widersprüchliche Aussagen zu diesem Thema: Ein Mann fragte den Gesandten Gottes: Was meinst du, wenn ich die vorgeschriebenen Gebete verrichte, den Ramadan faste, das Erlaubte tue und das Verbotene meide, aber nichts zusätzlich tue, gehe ich dann ins Paradies ein? Er sagte: Ja. (Khoury, Der Koran, S. 511) – In einem anderen Hadith heißt es allerdings: Der Prophet sagte: Sucht die goldene Mitte und das Rechte, und wisst, dass keiner von euch aufgrund seiner Taten gerettet wird. Sie sagten: Nicht einmal du, o Gesandter Gottes? Er sagte: Nicht einmal ich, es sei denn, Gott umhüllt mich mit Barmherzigkeit und Huld von ihm. (Khoury, Der Koran, S. 509f)

 

Ein wesentlicher Grund für diese Ungewissheit ist die Tatsache, dass neben dem einen Gott in seiner allumfassenden Absolutheit der Mensch – und käme er mit einer Fülle von guten Werken – nicht bestehen kann. Vor Gottes Gericht wäre alle auf menschliches Tun sich gründende Gewissheit bloße Anmaßung (auch nach biblischem Denken!). Es kann aber im Islam vor allem deshalb keine Gewissheit geben, weil Gott sich hinsichtlich seiner „Gnade“, von der im Islam letztlich doch alles abhängt, nicht festgelegt hat.

 

Orientierung 2004-01; 15.02.2004

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