Tagebuch einer Beziehung
Wie die Beziehung mit einem Türkisch sprechenden Intellektuellen entstand und schließlich seine Abschiebung allem ein vorläufiges Ende setzte
Von einem Kollegen wurde ich gebeten, in meiner Nachbarstadt christliche Literatur an Herrn Emir (Name geändert) abzugeben, die er aufgrund einer Zeitungs-Annonce bestellt hatte. Ich machte mich per Rad auf den Weg und stellte in dem ehemaligen Hotel, in dem viele Asylbewerber untergebracht waren, fest, Herr Emir war nicht da. So lernte ich einen der Nachbarn kennen, einen Äthiopier, der mich spontan zum Tee einlud. Er war bereit, die Literatur anzunehmen und weiterzureichen.
Nach einigen Wochen war es mir doch wichtig, Herrn Emir persönlich kennen zu lernen und ihn zu fragen, ob er die Literatur schon gelesen habe. Ich traf ihn zwar an, doch die Literatur war nicht angekommen. So gingen wir zum Zimmernachbarn, der sich entschuldigte und uns die Bücher überreichte. Wieder in Herrn Emirs winzigem Zimmer vergingen die Stunden wie im Flug, während er mal in etwas holperigem Deutsch, mal in Türkisch aus seinem Leben erzählte. Da er bereits Anfang der 80er Jahre Christ geworden war, freute er sich, in mir einen Bruder gefunden zu haben.
Beim Abschied lud ich ihn ein, mich zu Hause zu besuchen. Ein paar Tage später kam er und lernte auch meine Familie kennen. Das Vertrauen wuchs rasch und er freute sich, mit in unsere Gemeinde kommen zu können. Jedes Mal, wenn wir uns begegneten, hatte Herr Emir viel zu erzählen: von seiner Schulzeit im Osten der Türkei, von seinen politischen Ansichten, von seinem Studium in Frankfurt, seiner Hinwendung zu Christus, seinen Gefängnisaufenthalten, seinem Engagement für andere Asylbewerber, seiner Frau, die in der Türkei blieb.
Nun kam seine Abschiebung überraschend schnell. Herr Emir war bereit, in die Türkei zurück zu gehen. Natürlich luden wir ihn zum Abschied ein. Er hatte gerade auf dem Sofa Platz genommen, da war es ihm wichtig, mit mir zu beten. Wie gut ist es, seine Ungewissheit und Befürchtungen bezüglich seiner Zukunft gemeinsam Jesus zu sagen, dem alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben ist. Mehrmals sagte er uns, wie dankbar er sei, uns getroffen zu haben.
Meine Frau und ich begleiten ihn weiter im Gebet und sind gespannt, wie Gott ihn künftig führen wird. Nach etwa zwei Wochen rief er uns endlich an und teilte kurz mit, dass er in der Türkei „zu Hause” und auf freiem Fuß sei. Wir hoffen, ihn irgendwann und irgendwo wieder zu sehen.

